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2. Mai 2017 2 02 /05 /Mai /2017 07:11

Die Saisonvorbereitung der Fußball-Bundesligisten wird immer mehr zu einem Eldorado für Fans.  Hunderte Anhänger machen diese notwendige Übung zu einem Event, das durch Action, Folklore und Gemeinschaft geprägt ist. Immer mehr aber wird es auch zu einem Medienspektakel. Ein Erfahrungsbericht von Christoph Rohde

Was für Bundesliga-Profis harte Arbeit bedeutet, ist für den gemeinen Fan ein Paradies. Die Trainingsvorbereitung der Bundesligisten ist für Fans die einmalige Möglichkeit, sehr nah an ihre Lieblinge heranzukommen. Auch die Tourismusbranche hat dieses Phänomen entdeckt und spezielle Angebote kreiert. An dieser Stelle werden Impressionen aus dem Trainingslager von Borussia Mönchengladbach am Tegernsee gegeben.

Standortfaktoren: Hotel, Platzbedingungen, Ambiente

Für Teammanager Steffen Korell stehen bei der Auswahl von Trainingslocations einige Faktoren im Vordergrund: neben adäquaten Platzbedingungen müssen auch die Qualität des Hotels, die Ruhe im Umfeld und das Ambiente der Gegend Berücksichtigung finden. Immer wichtiger aber wird auch die Funktion des Profivereins als Werbeträger für die Tourismusbranche. Dieser Faktor spielt am Tegernsee als beliebtes deutsches Urlaubsziel allerdings weniger eine Rolle, da die Hotels zu dieser Jahreszeit ohnehin fast komplett ausgebucht sind. Da die Faktoren in ihrer Gesamtheit stimmen, gastierte der niederrheinische Bundesligist bereits zum fünften Male im Tegernseer Tal.

Das Fünf-Sterne-Mannschaftshotel Überfahrt
Das Fünf-Sterne-Mannschaftshotel Überfahrt

Gelungene Synthese aus Professionalität und Provinzialität

Dass die Fans so nah an die bis auf 40 Millionen Euro bewerteten Profis heran kommen dürfen, ist ein Ausdruck des Vertrauens des Vereins gegenüber den Fans und dem Umfeld. In zahlreichen Ländern wäre die Gefahr von Ausschreitungen oder gar Entführungen von Profis zu hoch. Es ist immer wieder erstaunlich, wie diszipliniert die Fans bleiben und nur in vorgegebenen Korridoren um Autogramme und Fotos bitten. Provozierende oder gar gewalttätige Ultragruppen traten hier in den letzten Jahren nicht in Erscheinung. Als ehemaliger unterklassiger Spieler kamen mir viele der Übungen wie das klassische Fünf gegen zwei oder die Dribbelübungen bekannt vor. Das Spieltempo sowie das Verschieben der Kettensysteme der Raumdeckung erfordern jedoch eine unglaubliches Raum- und Zeitbewusstsein, so dass mentale Fitness immer mehr Berücksichtigung im Trainingsablauf findet. Borussia ist im Gegensatz etwa zu Bayern München klein genug, um „provinziell“ zu bleiben, aber professionell genug, um mit strategischer Kreativität auch Monstervereinen die Stirn bieten zu können.

Stürmer Andre Hahn beim Krafttraining
Christoph Kramer beim Krafttraining

Fans lernen „die Neuen“ kennen

Für die eingefleischten Fans, die Borussia zu jedem Spiel begleiten, ist das Trainingslager eine Art Einstimmung in die neue Saison und ein Diskursraum für sportliche Spekulationen und Prognosen; außerdem lernt man die technischen Fertigkeiten der neu erworbenen Spieler aus der Nähe kennen. In diesem Jahr holten die Gladbacher als Ersatz für die ausgeschiedenen Defensiv- und Mittelfeldspieler Martin Stranzl, Roel Browers und Granit Xhaka mit Yannick Vestergaard (Innenverteidigung), Tobias Strobel (defensives Mittelfeld) und dem aus Leverkusen wiedergekehrten Weltmeister Christoph Kramer gleich drei gestandene Profis. Dazu sind einige junge Toptalente verpflichtet worden wie der tschechische Stürmer Lázlo Benes. Aufgrund der Finanzrestriktionen verfolgt Mönchengladbach die Strategie, junge Talente aufzubauen und nach einigen Jahren gewinnbringend zu verkaufen. Manager Max Eberl gelang es in den letzten fünf Jahren, diese Dynamik zu praktizieren, ohne das spielerische Grundgerüst der Mannschaft zu gefährden. Permanente Veränderung wurde aus der Not zur Tugend gemacht.

Die Mannschaft beim Training
Die Mannschaft beim Training

Steigendes Medieninteresse

Die Fans von Borussia Mönchengladbach verfügen mit den Fanzinen Torfabrik und Fohlen-Hautnah  über hervorragende Informationsquellen, die gerade im Trainingslager stündlich neue Informationen über Trainingszeiten, Muskelverletzungen und Transfergerüchte liefern. Deren Qualität übersteigt die der klassischen Massenmedien bei Weitem. Da Mönchengladbach aber als letztjähriger Tabellenvierter um den Einzug in die Champions League spielt, ist das Interesse von Bild, dem ZDF oder dem Bezahlsender SKY weit höher als noch vor zwei Jahren. Aber auch die spektakulären Neuverpflichtungen sorg(t)en für ein zunehmendes Interesse.

Der Autor mit Linksverteidiger Oscar Wendt
Der Autor mit Linksverteidiger Oscar Wendt

Reflexive Fankultur

Fan sein im 21. Jahrhundert hat nur noch wenig mit dem Bratwurst verschlingenden, laut gröhlenden Kurvensteher zu tun, wie er noch zu meiner Zeit auf dem Bökelberg, im Westfalenstadion oder an der Grünwalder Straße Usus war. Heute rechnet der Fan als Manager die Salden der Zu- und Abgänge ebenso mit wie die potenziellen Sponsoreneinnahmen und Fernsehgelder. Der Fan von heute ist „Mit-Manager“. Und so konnte man auch in diesem Trainingslager weit mehr als nur über Fußball erfahren, sondern über alternative Fan-Erfahrungshintergründe, regionale Entwicklungen im Amateursport, aber auch über die Wander- und Freizeitziele in der Tegernseer Region. So bleibt meine wie der meisten Fans Hoffnung, dass die Borussia auch nächstes Jahr wieder in Rottach-Egern ihre Saisonvorbereitung durchführt. Vor allem wollen die „echten Fans“, dass auch dieses noch kostenlose Vergnügen so bleibt wie es nicht und nicht zu einem weiteren Geschäftsmodell im Big Business Fußball ausgebaut wird.

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